6. Der Ulnersche Hofbauer


In Weinheim war Herbst, das heißt, die Trauben wurden geerntet. Der Ortsdiener hatte mit der Gemeindeglocke bekannt gegeben, dass am Gallustag (16. Oktober) der “Rotherbst”, also das Herbsten, das Ernten der reifen Trauben in der Weinheimer Gemarkung beginne. Die Weinbauern aus der Vorstadt und der Hintergasse (der heutigen Nordstadt ) richteten ihre Sachen und bereiteten alles vor : ihre Weinfässer und alle möglichen Gefäße, um die Trauben zu sammeln und in die Stadt zu transportieren. Dann schnitten sie an den Rebhängen die Trauben ab.Die Männer wiederum trugen die Bütten( so hießen die Holzgefäße) auf dem Rücken die steilen Wingertspfade hinab zu den Zubern ( den großen Sammelbehältern). In den Bauernhöfen wurden die dicken vollen Trauben dann gestampft, bis der Traubensaft fertig war. Am Abend lagerten die Weinbauern dann den Most in ihren Scheunen. Danach wurde fröhlich gefeiert. Der Hofbauer, der Verwalter also des Ulnerschen Hofgutes ,war an diesen Tagen auch dabei und hatte auch gute Laune. Denn Tage zuvor hatte er die schönsten Trauben schon heimlich vorgelesen und für sich gekeltert. So hatte er seinen Chef, den Herrn von Ulner, schon viele Jahre um viel Wein betrogen und sich selbst so einiges dazu verdient, denn diesen Diebstahl betrieb er jeden Herbst. An einem kalten Wintertag starb er, der Hofbauer, aber Ruhe fand er im Grab nicht. Jedes Jahr zur Herbstzeit, wenn der Traubenmost in den Kellern liegt, erscheint er nachts in seinem Sonntagsgewand:er trägt seinen langen schwarzblauen Mantel, sein weißes Leinenhemd mit schwarzseidenem Halstuch, den Dreimaster hat er auf dem Kopf und in der Hand trägt er einen Rohrstock. So ging er schon zu Lebzeiten bei der Kerwe durch das Gerberbachviertel zum Jahrmarkt hinauf auf den Marktplatz. Nun wandert er im Ulnerschen Hofgut in der Münzgasse auf und ab. Er rüttelt an der Haus- und Kellertür und am großen Hoftor ( siehe Foto). Dann verläßt er den Hof und geht langsam das Spiegelgässchen hoch zum Marktplatz. Dort bleibt er stehen und wartet, bis einer nachts in der Geisterstunde vorbeikommt und springt diesem schnell auf den Rücken. Derjenige muss ihn mühsam den steilen Marktplatz hinaufschleppen bis zum Schloss am Obertor, dem einstigen Herrensitz der Ulner. Bis der Träger ihn da rauf getragen hat, ist kein trockener Faden mehr an ihm. Sieht der Geist das alte Herrenhaus, so verschwindet er plötzlich. Dies muss der Hofbauer noch so lange tun, bis er seine Vergehen zu Lebzeiten gebüßt hat. So mancher, der nachts auf den Hofbauern getroffen ist und völlig nass geschwitzt zu Hause ankam, kann darüber erzählen.

Ein Tipp: Verhalte dich wie eines der Rittergespenster und folge ihrem Weg bis zur Grundelbachstraße. Das Foto zeigt einen früheren Stadtausgang mit einem kleinen unbewachten Tor, welches Diebe nutzten, um unbemerkt in die Stadt hinein und wieder heraus zu kommen. Er hieß deshalb „ Diebsloch“ Heute gibt es oben am Marktplatz ein Lokal mit diesem Namen, vielleicht ist es dir bei deiner Suche aufgefallen) Direkt vor dir fließt der Grundelbach, du kannst ihn nur nicht sehen , weil er unter der Straße liegt !

Hier kannst du die Sage hören

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